Gemüse für die Psyche

Je höher der Obst- und Gemüsekonsum, desto besser das subjektive und objektiv ermittelte psychische Wohlbefinden – Zwei Studien liefern Hinweise auf kausalen Zusammenhang

Leeds / Warwick (Großbritannien) –

Die Ernährungsweise wirkt sich nicht nur auf das körperliche Wohlbefinden aus, sondern könnte auch die Psyche beeinflussen. Das schließen britische Forscher aus einer Verlaufsstudie, in der die Teilnehmer über einen längeren Zeitraum hinweg mehrmals Angaben über ihre Essgewohnheiten sowie ihr seelisches Befinden machten. Dabei ergab sich eine erstaunlich enge Beziehung zwischen dem Ausmaß des Obst- und Gemüsekonsums und der selbst beurteilten psychischen Verfassung. Einen möglicherweise positiven Effekt der Pflanzenkost bestätigt auch eine weitere Studie mit Daten aus Australien. Diese Forscher dokumentierten anstelle einer Selbstauskunft der Beteiligten medizinisch nachgewiesene Depressionen und Angststörungen. Die im Fachblatt „Social Science and Medicine“ publizierten Ergebnisse sprechen nach Ansicht beider Forschergruppen dafür, dass ein gesteigerter Konsum von Obst und Gemüse das psychische Befinden verbessern kann.

„Die Wirkung von Obst und Gemüse könnte bisher unterschätzt worden sein“, schreiben Redzo Mujcica und Andrew Oswald von der University of Warwick. Sie nutzten Daten von 7108 Menschen im Alter von mindestens 15 Jahren, die bei zwei Befragungen im Abstand von zwei Jahren in Australien erhoben worden waren. Unter anderem gaben die Befragten an, ob bei ihnen jemals eine Depression oder Angststörung diagnostiziert wurde, die mindestens sechs Monate andauerte. Das war insgesamt bei 17 Prozent der Fall. Die Wahrscheinlichkeit, zwischen beiden Befragungsterminen erstmals an einer solchen psychischen Störung zu erkranken, war umso größer, je geringer der Verzehr von Obst und Gemüse war. Einflussfaktoren wie Alter, Schulbildung und Einkommen wurden bei der statistischen Auswertung berücksichtigt. Das deutet darauf hin, dass eine verstärkte Pflanzenkost einen Schutzeffekt haben könnte.

Die Forscher prüften auch die Möglichkeit einer umgekehrten Kausalität: In diesem Fall müsste sich bei Menschen mit aktueller oder überstandener Erkrankung zur Zeit der Erstbefragung der Obst- und Gemüsekonsum bis zur zweiten Befragung verringert haben. Dafür gab es jedoch keine Hinweise. Die negativen Auswirkung eines mangelnden Konsums pflanzlicher Nahrung auf die Psyche könnte ein Ausmaß erreichen, das der Erfahrung von Arbeitslosigkeit oder Scheidung vergleichbar ist, schreiben die Autoren.

Über sieben Jahre hinweg erstreckte sich die zudem weit größere Studie von Neel Ocean und seinen Kollegen von der University of Leeds. Sie werteten Daten von etwa 50.000 Briten aus, die mindestens 15 Jahre alt waren. Zwischen 2009 und 2017 wurden die Teilnehmer jährlich befragt, an wie vielen Tagen pro Woche und in welchen Mengen sie Obst und Gemüse aßen. Zur Messung des psychischen Wohlbefindens diente ein standardisierter Test mit zwölf Fragen. Dabei bewerteten die Befragten ihre Gefühle von Freude, Glück, Angst, Stress, Sorge und Niedergeschlagenheit auf einer Punkteskala von 0 bis 3. Als alternativen Maßstab für das seelische Befinden nutzten die Forscher subjektive Angaben zum Grad der Lebenszufriedenheit. Als Einflussfaktoren berücksichtigten sie Alter, Geschlecht, Einkommen, Schulbildung, Familienstand, chronische Erkrankungen, Tabakkonsum und körperliche Aktivität.

Je häufiger der Obst- und Gemüsekonsum pro Woche und je größer die pro Tag verzehrten Mengen, desto besser waren die Werte für psychisches Befinden und Zufriedenheit. Eine noch nicht erwiesene ursächliche Beziehung vorausgesetzt, weisen die Ergebnisse darauf hin, dass schon eine geringfügige Zunahme an pflanzlicher Kost die Psyche positiv beeinflussen kann, schreiben die Forscher. Noch sei nicht geklärt, wie ein kausaler Zusammenhang zu erklären wäre. Pflanzliche Inhaltsstoffe wie Vitamine oder Antioxidantien und Abbauprodukte komplexer Kohlenhydrate könnten auf das Gehirn einwirken und die Stimmung verbessern. Es wäre zudem denkbar, dass ein starker Konsum von Obst und Gemüse den Verzehr eher schädlicher Nahrungsmittel verringert und dadurch indirekt die Gesundheit fördert. Übrigens konsumierte nur jeder fünfte Teilnehmer der größeren Studie die generell empfohlenen fünf Portionen Obst und Gemüse pro Tag. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollten täglich 400 Gramm davon verzehrt werden, um chronische Erkrankungen und Mangelernährung zu verhindern.

0 comments… add one

Leave a Comment

Wir benutzen Cookies um die Nutzerfreundlichkeit der Webseite zu verbessen. Durch Deinen Besuch stimmst Du dem zu.